Archiv für den Monat: Juni 2013

Allerlei los im Paradies auf Erden

Es war einmal vor langer Zeit, als die Riesen noch lebten, da trug sich zu dass der große Kerl Hiid das Paradies erspähte und versuchte, es einzufangen. Sieben Tage verfolgte er es um die ganze Welt, doch es ließ sich nicht fassen. Hiid wurde müde und legte sich schlafen. Als er nun am nächsten Morgen erwachte, sah er einen bunten Teppich von Blumen um sich herum, hörte tausende Vögel zwitschern, sah den blauen Himmel und das blaue Meer und erkannte, dass er im Paradies geschlafen hatte. Da rammte er einen Pfosten durch die Mitte des Landes, um es für immer zu verankern und von nun an hieß die Insel das Land des Hiids. Es fühlt sich gut an, im Paradies zu sein. Hiiumaa verdient diesen Namen und eigentlich sollten wir schweigen, damit die Insel so schön bleibt und nicht wie Hiddensee den Status „Hidden“ (versteckt) verliert.

Tischlein deck dich!

Küche Kauplus

Unterwegs lecker und preiswert essend ist in Estland einfacher als in Deutschland. Man gehe in den Kauplus und decke den Tisch für 6 Euro: Kartoffelbrei (warm!), Dill-Krautsalat, frittiertes Hähnchenfleisch, Brötchen und Saft. Zum Nachtisch gab es ein Sahne-Hüttenkäse-Dessert mit Johannisbeerenmus und ein Quark-Kama-Tiramisu. Kama ist übrigens eine Mischung aus verschiedenen Getreiden und wurde traditionell zum Frühstück gegessen (Marktlücke: noch nicht von Bioläden in Deutschland entdeckt).

Kohupiim im Überfluss

Eine wichtige Vokabel ist Kohupiim, was auf deutsch Quark bedeutet. Piim heißt übrigens Milch, für Kohu fanden wir im Wörterbuch nur Kohus und das bedeutet Gericht (im gewissen Sinne ist Quark ja auch verurteilte Milch). Im Kühlregal ist die Auswahl riesig und wir arbeiten noch daran, uns durch alles durchzukosten. Es gibt zum Beispiel kleine Quarkriegelchen (Kohuke) – schätzungsweise in 30 verschiedenen Varianten. Klasse Frühstück: frische Erdbeeren mit einem Päckchen Vanillequark.

Jaanituli - Johannisfeuer

An Johanni

Ein Johannifeuer im Küstenstädtchen Haapsalu (Espenhain) ist eine feine Sache. Schon Zaren (z.B. der Schiffbauer Peter) und Künstler (z.B. Nicolas Rerich oder Piotr Tschaikowski) wussten das und ließen sich nebenbei gleich in Heilschlamm packen. Heute heißen sie Präsidenten (z.B. Toomas Hendrik Ilves) oder sind eine Ein-Mann-Band (z.B. SeeMees). Auch wenn Herr Ilves zugegebnermaßen wegen einer Militärparade und eines Benefizkonzertes an die Westküste Estlands gekommen ist. Hervorhebenswert ist übrigens, dass der Präsident kein gebürtiger Este ist – geboren in Stockholm ist er erst in den 90ern zurückgekehrt, nachdem seinen Eltern 1944 die Flucht geglückt war. Das Benefizkonzert fand für Kinder statt, deren Eltern als Soldaten in Afghanistan gestorben sind. Dafür wurde der Aufenthaltsraum des ehemaligen Bahnhofs benutzt – ein wunderschöner Ort für Gedenken und Musik. Da der Saal einseitig offen ist, konnte man dem Konzert lauschen als auch das Gewusel rund um den Live-Mitschnitt verfolgen. Hier ist ein Link zum gesamten Konzert – besonders schön das Lied vom Mädchenchor des estnischen Fernsehens (bei etwa 52 min). Es heißt „Laulusild“, da steckt Lied und Brücke drin. Komponiert wurde es von Veljo Tormis, der viele estnische Folkelemente in seinen Chorkompositionen verarbeitet hat.

Benefizkonzert in Haapsalu

Die heidnische Tradition des Johannisfeuers ist recht alt und inzwischen kaum auflösbar mit christlichen sowie postmodernen Bräuchen vermischt. An der Küste trifft man sich und schaut zu, wie ein Boot lichterloh verbrennt. Musik und Tanz sind dabei, Spiele so man mag – und viele mochten. Pfadfinder aus der Gegend haben übrigens nur mit Holz, Bogen und Geduld die erste Flamme erzeugt. Dazu wurde ein Gedicht gesprochen, in dem das Feuer beschworen wurde. Eine Umfrage in einer lokalen Zeitung, des Pärnuer Postboten, ergab folgendes Meinungsbild (siehe Bild):

Was unternehmen Sie am Johannifest?
Wir bleiben zu Hause und feiern nicht. (33%)
Wir fahren zu Freunden. (18%)
Wir fahren aufs Land ins Sommerhaus. (17%)
Wir gehen zum nächstgelegenen Johannifeuer. (7%)
Wir trinken zu viel und gehen schwimmen. (24%)

Der Postbote von Pärnu fragt um: Was machen Sie am Johannitag?

Der Postbote von Pärnu fragt um: Was machen Sie am Johannitag?

Letzere Gruppe von Antwortlern hat wahrscheinlich ein Problem, welches auch aus Finnland bekannt ist. Dort wettet man sarkastisch auf die Zahl der um Johanni Verunglückten. Beim Johannifeuer in der Ruine des ehemaligen Bischofssitzes in Haapsalu ging es aber sehr gesittet zu. Das Feuer brannte ohne sichtbare Aufsicht durch Feuerwehr, Ordnungsamt oder Sanitäter ab und als das Fest weit nach Mitternacht zu Ende ging, blieb noch nicht einmal Müll zurück. Erstaunlich.

Staub frei!

Auf dem Weg von Keila nach Haapsalu (77 km) führt einen die Route 17 über Rummu, eine Stadt mit 3400 Einwohnern. Fast die Hälfte sind Strafgefangene, denn eines von 5 Gefängnissen Estlands befindet sich in dem kleinen Ort. Seit 1949 und bis zum Abzug der Sowjets wurde mit Hilfe der Gefangenen großtechnisch Kalk abgebaut. Ein gewaltiger Abraum von 70 Metern Höhe erzählt das eine. Der nun geflutete Tagebau das andere. Und zwar ist durch die Flutung ein perfekter Ort für Taucher entstanden: klarstes Wasser und eine Unmenge an zurückgelassenen Gerätschaften.

Staubpiste

Eines von fünf Gefängnissen Estlands befindet sich in Rummu. Aber man kan auch prima abtauchen (ohne Foto).

 

Auf Schatzsuche in einer verlassenen Raketenbasis

Der Lahemaa-Nationalpark lockt mit idyllischen Stränden, seltenen Vögeln, schicken Herrschaftsvillen und reetgedeckten Holzhäusern. Kaum jemand lebte hier in den letzten Jahrzehnten, obwohl der Park nur eine Wegstunde östlich von Tallinn liegt. Zu Sowjetzeiten war die Gegend milliärisches Sperrgebiet und entsprechend abgeriegelt. Das Gute im Schlechten ist ein nahezu unberührtes Naturparadies, das darüberhinaus ausgezeichnete Verstecke für Freunde des Geocachings bietet. Einer dieser Schätze ist bei einer ehemaligen Raketenbasis mitten im Wald begraben. Wir stöberten jedoch erfolglos durch die Ruinen und wurden von einem heftigen Gewitter überrascht. Im August werden wir es erneut versuchen, müssen wohl aufs Dach klettern.

Dunkle Geheimnisse

In einem dunklen, dunklen Wald. Liegt ein dunkler, dunkler Bunker. In diesem dunklen, dunklen Bunker – ist ein dunkler, dunkler Schatz. In dem dunklen, dunklen Schatz – verbirgt sich ein dunkler, dunkler Zettel. Auf dem dunklen, dunklen Zettel steht: erschrick dich nicht!

 

Der Toten Tanz in Tallinn

In der Nikolaikirche Tallinns (Niguliste Kirik – Eselsbrücke Kikeriki) befindet sich ein seltener Schatz. Es handelt sich um den Totentanz von Bernd Notke. Er ist ein Zwilling des im 2. Weltkrieg zerstörten Gemäldes in Lübeck und zeigt eindrücklich, dass das grundlegende Menschenrecht „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ zumindest gilt, wenn Gevatter Tod auf die Bühne tritt. Auf dem Fragment sieht man die Creme de la Creme beim Ringelrein mit dem Tod. Die Kette endet beim Narr (nicht mehr auf dem Bild). Wissenswerte Trivia: das Wort makaber geht wohl auf die französische Bezeichnung des Totentanzes als „Danse macabre“ zurück, diese ihrerseits vermutlich auf das Buch Makkabäus der Bibel. Wikipedia hat weitere Gedankenspiele parat: http://de.wikipedia.org/wiki/Totentanz

Totentanz

Totentanz, Fragment in der Nikolaikirche Tallinn.

Zwei Tage später waren wir in Rakvere und entdeckten in einem schnöden Einkaufszentrum eine moderne Fassung des gleichen Motives – Big Mora heißt der Künstler, sonst in Sachen street art unterwegs. (Inspiriert wurden auch Camila Saint-Saens, Mussorgski, Liszt, Iron Maiden …)

Totentanz in Rakvere

Der Toten Tanz in Rakvere.

Radwege in Estland

Während wir noch auf die Ankunft unserer Räder warten, machen wir schonmal ein paar Pläne. Das Bild fungiert als eine Art Bewegungsmelder und der Kalender (siehe Menüpunkt „schwarz & weiss“) zeigt, warum wir uns in welche Richtung bewegen wollen. Thema des Sommers ist Musik und wir werden Leute, die wir unterwegs treffen, bitten, uns ein Lied beizubringen. Welches warum die Leute gewählt haben, darüber berichten wir dann im Blog. Für die anderen landeskundlichen Appetithäppchen basteln wir ein e-buch zusammen, das im Herbst/Winter herauskommen soll.

1 … Zunächst fahren wir zum Lahemaa-Nationalpark, in ein Holzhäuschen am Meer. Baden, wandern und Paperschreiben stehen auf dem Plan. Bis zum Johannisfeuer. Die Mittsommernacht feiern wir wohl im Gutshaus Palmse.

2 … Es geht auf die Insel Muhu, dort findet Anfang Juli ein Musikfestival statt.

3 … Weiter auf die Insel Kihnu zum nächsten Festival eine Woche später.

4 … und auf nach Tartu. Dort treffen wir uns mit dem Kuzechor auf eine Liederwerkstatt.

5 … Dann schließen sich Heidi & co zum Radeln an. Das Viljandi-Musikfestival und das russische Filmfestival am Peipussee bieten sich als Anfahrpunkte an.

6 … Das Viru-Folkfestival findet in Käsmu am Ostseestrand statt. Bis zum 9.8. müssten wir dort eintrudeln.

Der August ist bislang kaum verplant. Ein Ausflug nach Finnland, Klettertour auf den großen Eierberg wären Kandidaten.

Jetzt gehen wir ins KUMU – das Tallinner Museum für Moderne Kunst.

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