Durch die Straße von Gibraltar

„Toter Wal im Atlantik“ lautet die erste Zeile der alle paar Stunden
eingehenden Wetternachrichten. Bis zur vermeldeten Position sind
es allerdings etliche Seemeilen und die Delfine, die hier und da aus
dem Wasser springen, sind auch was besonderes. Wir passieren
die Straße von Gibraltar, dort wo Europa und Afrika nur ein paar km
auseinander liegen.

Gibraltar – Gebel al Tarik – der Berg des Tarik. Der
Felsen ist inzwischen nach dem Heerführer der Mauren benannt, der im Jahr
711 die Mauren nach Spanien geführt hat. Davor war die Meerenge als die
Säulen des Herakles bekannt, mit der nördl. Säule, dem Fels Gibraltar, und
der südl. , dem Berg Musa (@Jenny: Kommt Musa von Moses?). Die Straße
von G. trennt jedoch nicht nur Kontinente sondern auch Meere.  Die stetige
Oberflächenströmung aus dem Atlantik ins Mittelmeer war die Ursache dafür,
dass erst Segelboote mit Tiefenankern über die Meerenge hinaus kamen. Denn
in ca. 40 m Tiefe wirkt die Gegenströmung in Richtung Westen. Darüber wußte
man immerhin seit der Antike bescheid.

Gibraltar ist mit einer Moschee und einem Leuchtturm bestückt, dem Großen
Europa-Punkt. Gleich dahinter liegt Algeciras, eine spanische Hafenstadt –
unser nächstes Ziel. Der Felsen mit der strategischen Seeposition gehört
dagegen seit dem 19. Jh zu Groß Britannien. Von hier aus konnte man den
Verkehr bestens kontrollieren. Der Lotse ist zugestiegen und trotz des
Feiertags gut gelaunt. Man tauscht sich über die neuesten Ergebnisse der
Championsleague aus. So locker geht es nicht immer zu, den manche
kommen nach den vielen Treppen äußerst mißlaunig auf der Brücke an.
Ob es denn keinen Fahrstuhl gäbe? Nein, das Schiff wäre ja schon 1997
gebaut worden und zu der Zeit hätte es die Lift-Vorschrift noch nicht
gegeben. Andererseits kann man froh sein, dass es die Treppen gibt, denn
durchschnittlich werden 3000 kcal pro Tag auf den Tisch gebracht. Kaum
jemand verläßt das Schiff so schlank wie er aufgestiegen ist.

Es ist viel Verkehr auf der See. Gleich 12 Schiffe passieren in Sichtweite
die Straße von G. Da muß man den Überblick behalten. Denn es kann
passieren, dass der eine oder andere die Verkehrsregeln nicht genau
nimmt. So überholt uns die Alma Pegusa aus Singapur erst links und
kreuzt dann noch unseren Weg – das widerspricht allen guten
Seemannsetiquetten, aber dafür haben sie sich vor uns den Lotsen
ergattert. Noch gefürchteter allerdings sind Segler und Fischer. Beide
sind unberechenbar, wobei erstere auch als Fahrradfahrer der See
gelten. Letztere weißen schonmal den Bildschirm des Radars ein,
etwa in der Straße von Taiwan, wo es vor Fischerbooten nur so
wimmelt. Da hat sich inzwischen der Scherz etabliert, dass China
neben der Landbevölkerung noch eine zweite, eine auf dem Meer,
hat.

Der Hafen von Algeciras ist erreicht. Es steht einiges an: etliche
Container werden abgeladen, neue aufgenommen. Au0erdem muss
gebunkert, dh. Öl getankt, werden und eine Sicherheitsübung ist zu
absolvieren. Das Be- und Entladen wird inzwischen von Land aus
organisiert. Das Schiff erfährt nur ob und wo Güter besonderer
Gefahrenklasse gelagert werden. Das wird in eine Software eingegeben
und auf dem Schiff wird nur noch überwacht, ob die Scherkräfte, die am
Schiff wirken, unter dem Limit liegen. Wenn Schlagseite droht, wird mit
Ballastwasser ausgeglichen. Weil dafür Seewasser verwandt wird,
schleppt man so Organismen ein. Die Schäden von Schiffsbohrwurm oder
chinesischer Wollhandkrabbe hat man in Ostsee und dt. Gewässern auf
25 bzw. 85 Mill. Eur beziffert. Inzwischen wird international über
Normen und Vorschriften, etwa Filtermethoden, nachgedacht. Unser Schiff
kann 4500 Ladeeinheiten an Bord nehmen, sog. TEU. Das ist die Abkürzung
für 20 Fuß-equivalente-Einheiten. Die großen Schiffe der neuesten
Generation packen bis zu 15000 TEU. Auf dem Weg über den Atlantik werden
wir zu 70% ausgelastet sein; inkl. Schweröl, dessen Bunkerung noch bis
in die Morgenstunden dauert. Dagegen braucht das Verladen eines
Containers im Schnitt nur 3 min. In Algeciras stehen 4 Kräne an unserem
Liegeplatz, das geht wie am Schnürchen. Allerdings fiebt es die ganze
Zeit aus Sicherheitsgrünen, irgendwann schläft man trotzdem ein.

Zahlen des Tages:
– Boing 747 mit 1200 km Flugstrecke: 540 g CO2 pro transportierte Tonne
und km (g/tkm)
– LKW mit Auflieger: 50 g/tkm
– Diesellokomotive: 35 g/tkm
– Elektrolokomotive: 18 g/tkm
– Containerschiff (8000 TEU): 15 g/tkm

Essen: Tatar mit rohem Ei, Gemüseeintopf mit Bockwurst und Pudding,
Lasagne

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