Im Kraftwerk

Heute geht es ins Herz des Schiffes, in den Maschinenraum. Wir öffnen die
Tür zum Tween-Deck und betreten die Unterwelt. Riesige Maschinen und
Kessel verteilen sich auf bestimmt fünf weitere Decks, es herrscht ein
Höllenlärm. Wir flüchten zunächst in den Schaltraum, der dem der
Enterprise nicht unähnlich ist. Nur sitzt statt Scotty der 2. Ingenieur am
Pult, schlanker ist er auch.

Es gibt 3 Generatoren zur Stromerzeugung an
Bord und die Hauptmaschine, ein Diesel-Zwei-Takter bringt es auf
55000 PS, wie uns der Chefingenieur stolz erklärt. Mit den 55000 PS
schaffen sie bis zu 24 Knoten (45 km/h). Permanent wird alles geprüft
und gewartet. So laufen gerade nur 2 der Generatoren. Hier am
Schaltpult wird die gesamte Schiffselektronik überwacht. Vergisst der
Koch oben in der Kombüse den Kühlschrank zu schließen, schrillt der
Alarm. Am liebsten des nachts.
Man bringt uns Handschuhe und Ohrenschutz. Damit können wir
nun den Rundgang starten.

Wir klettern weiter rauf und runter, gehen von einem Stockwerk ins nächste.
Es ist beeindruckend. Man wird das Gefühl nicht los, auf Zwergengröße
geschrumpft und in einem Automotor gelandet zu sein. Irgendwie ist es da
verständlich, dass viele Maschinisten sich Muskelpakete antrainieren oder
Kompensationspfunde anfuttern, um ein wenig mithalten zu können. Die
Nautiker an Deck sind dagegen eher schlank und wendig wie windflüchtige
Strohhalme. Wir stehen vor den 9 Zylindern des Dieselmotors. Jeder einzelne
misst mehrere Meter im Umfang und ist fast 2 Stockwerke hoch. Die Kolben
haben eine Hub von 2,3 m. Nur mal zum Vergleich: beim Wäärner-Motorrad
sind es ein paar schlappe Zentimeter. Die Zylinderkolben treiben eine etwa
20 m lange Kurbelwelle mit der Dicke einer Traktorfelge an. Sie bewegt den
Propeller und damit das Schiff, einen 35000 Tonnen schweren Brummer. 4000
Tonnen davon sind übrigens Bunker.

Wir sind noch am Klettern, sehen u.a. UV-

Trinkwasseraufbereitungsanlage,
Klimaanlage, Turbolader, Schwerölaufbereiter, Kühlaggregate und das
Abwasserbehandlungssystem. Ganz unten sind die Ballastwassertanks und
die Tanks mit dem gebunkerten Öl. An einer Stelle trennt uns nur noch die
Schiffsaußenwand von den Wassermassen des Atlantik. Die Ausmaße
ringen uns Respekt ab, wir vermögen kaum, uns die Wartungsarbeiten
vorzustellen. Muss man zum Beispiel den Motor reparieren, wird das gesamte
darüber liegende Deck freigelegt, dh. weggeschweißt. Das ist nur im
Trockendock machbar, muss aber regelmäßig erfolgen. So ein Schiffsmotor
kostet mehrere Millionen, entsprechend wird er gehätschelt. Es gibt nur
wenige Hersteller weltweit, einer der wichtigsten ist MAN aus Augsburg.

Aus einem der Ballastwassertanks zwängt sich einer der Praktikanten heraus.
Die Rohre und Kessel werden regelmäßig begangen und auf Roststellen oder
Haarrisse überprüft. Ständige Vibrationen im Schiff und die Lastverteilung
meißeln genauso am Material wie das Seewasser. Festplatten an Deck halten
das nur 2 Jahre durch. Seeleute müssen dagegen über viele Jahre ran. Das
sind nur die schleichenden Gefahren, die die Gesundheit beeinträchtigen.
Akute gibt es ebenfalls zu Hauf – auf einem ähnlichen Schiff hat man mal
jemanden vergessen, der die Röhren inspezierte. Er war noch im System, als
man die Schleusen schloss. Drei Tage hat er ausgeharrt, bis er
glücklicherweise entdeckt wurde. Auch kann es unerträglich heiß werden im
Maschinenraum. In den Tropen werden es schonmal 50°, da kann man kaum die
Treppengeländer anfassen. Dennoch hat der Chefingenieur eine Sauna für das
Schiff gebaut. Aus dem Nähkästchen plaudert er auch gern: auf einem Schiff
XXX soll sich der Kapitän ein beheizbares Schwimmbad gewünscht haben, denn
das Atlantikwasser ist recht kühl. Unmögliches erledigen wir sofort, meint
der Chefingenieur, Wunder dauern etwas länger. Dem Wunsch nach einem
beheizten Schwimmbad sind die Ingenieure damals nicht nachgekommen. Sie
empfahlen es besser mit einem Tauchsieder zu versuchen. Man hat ja sonst
nichts zu tun.

Essen: Toast Hawaii, Königsberger Klopse und Obstsalat, Kaffee,
Bratkartoffeln und Schweinefleisch süß-sauer.

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