Casa del Desierto

Casa del Desierto und Strawberry fields forever

Wir sitzen im Greyhound von Barstow nach Bakersfield. Allmählich lassen wir die Wüste hinter uns und in der Ferne taucht die erste Bergkette auf, die Mojawe-Wüste und San-Joaquin-Tal trennen. Es hat nämlich nicht geklappt – ohne Auto sind wir nicht von Barstow weggekommen. Eigentlich wollten wir ja ein paar Tage in den Joshua-Tree National Park, genauer in das Cottonwood-Tal, um die Wüste blühen zu sehen. Der Southwest Chief war gegen 5 Uhr mit etwa einer Stunde Verspätung in Barstow angekommen. Außer uns stieg niemand aus. Es ist dunkel, aber das Bahnhofsgebäude sieht vielversprechend aus. Es nennt sich ‚Casa del Desierto‘ – Haus der Wüste. Frisch gekalkt und restauriert erinnert es an mondäne Südstaatenvillen mit Säulen und Veranda. Doch alles ist zu, niemand da. Wir laufen eine Runde um das Gebäude und werden auch nicht schlauer. Ein Museum der Route 66, ein weiteres für alte Züge – aber alles öffnet erst in Stunden. Es gibt keine Bushaltestelle, kein Taxi – selbst der Interstate schläft noch. Wir setzen uns vor den Eingang zum Bahnhof und warten. Plötzlich schließt jemand die Tür auf, ein Sicherheitsbeamter macht seinen Rundgang. Wir fragen nach dem Weg ins Zentrum und der Mann guckt uns an als seien wir kühne Marsmännchen. Im Prinzip geht es über die Brücke, aber es sei ein Ghetto. Wir fragen, ob wir hier denn sicher wären. Er meint, dass wir immerhin zu zweit wären. Na toll. Es ist stockdunkel und wir sitzen Scheinwerferlicht, wissen nix und warten. Gegen 5.45 Uhr plötzlich ein Heidenlärm – die Vögel werden wach und zwitschern. Es kann also nicht mehr lange dauern mit dem Sonnenaufgang. Um 6 Uhr ist die erste Dämmerung zu erkennen und dann kann man beim Hellwerden zusehen und hören: auf dem Bahnhof werden Güter rangiert, auf dem Interstate werden es mehr Autos und die Vögel sind unterwegs. Je heller es wird, umso zuversichtlicher werden wir. Um 8.30 Uhr öffnet der Bahnhof.

Dieser ist inzwischen ein Museum und ein Besucherzentrum. Das Gebäude ist eines der wenigen noch erhaltenen Harvey-Hotels, die früher längs der Eisenbahnstrecke von Chicago nach Los Angeles existierten. Sie versorgten die Weiterreisenden auch mit Essen, denn Speisewagen wurden erst viel später an die Züge angehängt. Wer einmal dort als Bedienung gearbeitet hatte, hatte wohl gute Heiratschancen. Denn wie wir in alten Dokumenten lasen, haben gleich 5000 Frauen über ihre Arbeit ihren Mann kennengelernt. Nun, kann sich jeder selbst einen Reim drauf machen. Es gibt auch eine englische Wiki-Seite über die Geschichte der Häuser: Link.

Im Besucherzentrum müssen wir auch feststellen, dass kein Weg in die Wüste führt, abgesehen von einem unerschwinglichen Taxi. Zum Trampen wir zu feige. Das war auch gut, wie sich später herausstellt. Wir müssen nun zum Greyhound, der Station des Überlandbuses – der nächste Zug kommt erst in 20 Stunden und müsste eh reserviert werden. Die Haltestelle vom grauen Hund liegt über die Brücke, einmal quer durch den Ort. Der Mitarbeiter hat uns einen Flyer gegeben, in dem alle Murals, also Wandbilder, im Ort eingezeichnet sind. Sieht nett aus. Wir marschieren los. Der Ort wirkt verschlafen, lebt wahrscheinlich nur davon, dass die legendäre Route 66 hindurch führt. Ein Polizeiwagen heult auf, während wir quer über die Straße zu einem Wandbild laufen. Weit kommen wir nicht, denn der Polizist ist aufgebracht und die Leute, die er angehalten hatte auch. Sie fordern ihn auf, uns auch einen Strafzettel zu verpassen. Doch wir sind im Grünstreifen gefangen und warten auf Anweisung. Der Polizist schickt uns hundert Meter zurück, um dort die Ampel zu überqueren. Wir beschließen, das Wandbild nicht zu fotografieren und gehen weiter. Die Geschäfte wirken trostlos, was nicht nur an der Wüstengegend liegt. Als wir an einer Bank vorbeikommen, beschließen wir Geld abzuheben. Tuen das auch nur, weil ein Sicherheitsbeamter davor steht. Immerhin sollen wir im Ghetto sein, worauf wir den Beamten auch ansprechen. Er stimmt uns zu und sagt, dass wir gut aufpassen sollen. Wie gruselig. Dann sind wir wortwörtlich über den Berg. Denn als wir den kleinen Hügel passiert haben, wirkt die Gegend plötzlich normal. Es gibt die üblichen Fastfoodketten und ordentlich aussehende Motels. Tatsächlich sind wir erleichtert und gehen erstmal frühstücken in Coco’s Bäckerei. Für 11 Dollar speisen wir fürstlich: Haferflocken mit Heidelbeeren und Nüssen, Orangensaft, Kaffee und Toast. Internet gibt es auch, damit haben wir wieder Zugang zu Informationen.

Seit einer Stunde sitzen wir nun im Greyhound, wollen noch bis Fresno mit Umsteigen in Bakersfield. Als wir die Bergkette passieren, ist alles grün. Flaches Land soweit das Auge blickt und jeder Flecken ist Agrarland. Hier gibt es aber keine Bauern sondern Agro-Unternehmer, denn die Felder sind riesig: kilometerlange Plantagen, sortenrein, Walnüsse, Aprikosen, Mandeln, Äpfel und Erdbeeren. Immer wieder auch Alfalfa-Felder, die Verarbeitungsanlagen stehen auch gleich um die Ecke. Das brauchen sie vor allem als Futtermittel, denn die Fastfoodketten wollen mit Rind und Schwein versorgt sein. An den Massenställen kommt man auch vorbei auf der Autobahn. Da ist nix mit glücklichen Kühen. Sie stampfen eingeengt im Schlamm und darüber gibt es ein Blechdach. Guten Hunger! Den haben wir auch, als wir in Bakersfield ankommen. Wir haben zwei Stunden Aufenthalt bis es weiter geht, also erkunden wir die Stadt ein wenig. Sie macht einen netten, studentischen Eindruck. Es gibt Cafes und Restaurants, Fahrradwege, Galerien usw. Wir finden eine Kette, die asiatische Nudelsuppen anbietet. Die sind vegetarisch und lecker. Wir sind wohl wieder im Urlaub. Mit ziemlich Verspätung kommen wir dann abends in Fresno an. Das liegt zentral in dem großen San-Joaquin-Tal und hat ein Downtown mit höheren Gebäuden. Wir finden in der Nähe des Bahnhofs ein Hotel und haben Glück, denn es ist noch ein behindertengerechtes Zimmer frei. Achja, Joshua-Bäume und Yucca-Wälder haben wir doch noch gesehen, denn wir haben die Täler mit dem Bus durchquert.

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