Geschenktes Bummeln in Grand Junction, Colerado

Amerika ist ein Land der Verspätungen. Bei kaum einer unserer Reisen mit Bus und Bahn waren wir pünktlich. Das hat auch mit der Größe des Landes zu tun. Eine durchziehende Gewitterfront kann den Überlandbus gehörig langsamer machen und bei Distanzen von hundert Kilometern schnell eine Stunde mehr Fahrzeit bedeuten. Genauso unberechenbar ist der Feierabendverkehr in den Millionenstädten. Auch die Langstreckenzüge haben mit schlechtem Wetter und Herausforderungen wie steilen Pässen auf 2000 m
Höhe zu kämpfen. Doch die Verspätungen sind organisatorischer Natur, denn es gibt keine einheitliche Bahn. AMTRAK als Eisenbahngesellschaft betreibt zwar überall in den USA Züge, ist aber nicht Eigentümer des
Schienennetzes. Das gehört regionalen Gesellschaften wie BNSF (Burlington Northern Santa Fe) oder Union Pacific – Namen, die man an den Güterwaggons lesen kann. Diese Gesellschaften warten das Schienennetz und stimmen sich kaum mit den Personenzügen auf der Strecke ab. Im Ergebnis stecken wir öfter auf der Strecke fest und dem Schaffner bleibt nur, sich zu entschuldigen. Manchmal dauert es 3 Stunden und man kann in die
nächste Ortschaft ausfliegen.

So bummelten wir durch Grand Junction, Colorado. Passenderweise feierte man gerade den Earthday, den „Tag der Erde“ und die Hauptstrasse wurde zur Fussgängerpromenade mit Infoständen über Solarenergie, verziert mit indianischem Schmuck, Esoterik und Vielem mehr. Eine Liveband aus der Gegend trug mit peppigen
Liedern zur guten Stimmung bei. Kaffee und das selbstgemachte Muesli im Kaffeehaus waren köstlich, kein Wunder, dass es im Wettbewerb „Best of the West“ mehrfach ausgezeichnet worden war.

So schön diese Unterbrechung war, in Chicago hatten sich die Verspätungen zu geschlagenen fünf Stunden summiert, so dass trotz einer Umsteigezeit von drei Stunden unser Anschlusszug in Richtung Washington
ohne uns los war. Dabei lässt man Landstreckenzüge schon mal eine Stunde aufeinander warten, um Anschlüsse zu gewährleisten. Nur bei dem Chicago-Washington-Zug ist das anders. Wegen der „white collars“, der
Leute mit den weissen Kragen, wie uns später ein Schaffner erklärte. Unsere Kragen waren eher schmutzig und so standen wir in Chicago. Die nächste direkte Verbindung nach Washington würde erst man nächsten Tag zur gleichen Zeit fahren. Also zur Auskunft und sehen, was es für Alternativen gab.

Zu dem Ärger mit den Verspätungen kommt der Ärger über das Bahnhofspersonal. Streng geteilt in Servicepersonal auf der einen und Verkaufspersonal auf der anderen Seite, steht der arme Reisende hilflos zwischen den Fronten. Der Service rät uns, die Strecke über New York nach Washington zu nehmen und wir versuchen, beim Verkaufspersonal einen Zwischenhalt in Baltimore zu bekommen, weil wir sonst um Mitternacht in Washington ankämen. Da Hotels in der Hauptstadt und in Bahnhofsnähe – also beim Regierungsviertel – auf die letzte Minute locker 300 Dollar kosten, ist der Zwischenhalt in Baltimore für unsere Reisekasse ganz entscheidend. Aber man weigert sich, unsere Fahrkarten gegen andere mit Zwischenhalt in Baltimore zu tauschen. Also wieder zurück zum Servicepersonal, bis die Spirale der
Zuständigkeiten beim Bahnhofsmanager endet. Endlich haben wir jemanden, der sein OK zu unseren bescheidenen Wünschen geben kann. Nun wissen wir, warum man immer gleich mit „Ich möchte den Manager sprechen“ kommen muss.

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