Fabelhafter Moment

Kyoto schickt wieder seine Zauberbande aus. Etwa 10000 km liegen hinter uns; wir sind in der alten Hauptstadt angekommen und lassen uns ergebenst einfangen. Von diesem schlauen Inari-Fuchs etwa, der die kleine, dunkle Gasse beobachtet im Auftrag der Götter des Reises. Vermutlich residieren sie in dem mächtigen Baum davor. Dieser ist seinerseits möglicherweise ein Nachkomme eines Vorfahren, dessen Wurzelreste in jenem kleinen Schrein liegen, der so hell in die Dunkelheit strahlt.

Der Inari-Fuchs ist ein Fabelwesen, vergleichbar mit Reineke Fuchs. Er kann sich verwandeln und insbesondere besteht die Gefahr, dass hinter einer verführerischen Schönheit sich in Wahrheit die schlaue Märchengestalt verbirgt. Allerdings zieht er durchaus auch mal den kürzeren, zum Beispiel gegen einen Tannuki – ein anderes japanisches Fabelwesen, nämlich die drollige, fast bärengemütliche Variante eines Marderhundes.

Einst nämlich wetteiferten Tannuki und Fuchs miteinander um den Titel des Oberschlaumeiers. An zwei aufeinanderfolgenden Tagen galt es, einander zu übertölpeln. Als nun am nächsten Morgen der Tannuki in den Wäldern wandert, findet er eine Jizo-Statue. Wie der Brauch es will, opfert er einen Reisball. Das erinnert den Tannuki daran, dass er selbst hungrig ist und so setzt er sich, um seinerseits zu essen. Nach dem Mahl schaut er auf und bemerkt, dass der geopferte Reisball verschwunden ist. Also opfert er der Statue einen weiteren, dreht sich um, dreht sich zurück und erneut ist das Essen verschwunden. Soso, denkt der Tannuki, legt nochmals einen Reisball ab und dreht sich geschwind wieder hin. Er sieht gerade noch, wie der Fuchs den Reisball im Mund verschwinden lässt und sich wieder in die Jizo-Statue zurück verwandelt. Nu pogodi, na warte, sagt der Tannuki, morgen werde ich dir an der Hauptstaße meine Künste beweisen.

Am nächsten Tag nun geht der Fuchs zur Hauptstraße. In der Ferne sieht er den Tross eines Reichsfürsten kommen. Erst kommen die Bannerträger und dann die Herolde, die das Hinknien befehlen, bevor die Sänfte des Fürsten vorbeikommt. Da der Fuchs nun auf dieser Straße noch nie einem Fürsten begegnet war, glaubte er, dass der Tannuki ihm hier nur einen Streich spielen wolle. Er rennt also auf die Sänfte zu und schreit „Tannuki, Tannuki, dass ist ja herrlich.“ Nur leider handelte es sich tatsächlich um einen Fürsten und der Fuchs bezog ordentlich Prügel von den Samurai. So war der Fuchs dem Tannuki auf den Leim gegangen – und die Moral von der Geschicht: informierte Schlauheit noch die beste Täuschung bricht.

Inari-Fuchs schaut in die Dunkelheit

Inari-Fuchs schaut hinaus in die Dunkelheit

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