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Von Klingonenschlachten und anderen Prüfungen

Seit Sonntag ist es auch offiziell: der Frühling ist wieder da. Das liegt nicht an den in diesem Jahr auch in Japan zu hohen Wintertemperaturen, sondern schlicht an einer Festlegung. Auf der Hälfte der Strecke zwischen kalendarischem Winterbeginn (21.12.) und Frühlingsbeginn (21.3.) liegt der Feiertag Setsubun (Zwischen-den-Jahreszeiten). Das war am letzten Sonnabend und seit Sonntag ist nun Frühling. Zu Setsubun gab es ziemlich Action.
Wir sind dafür bei wolkenlosem Himmel und ca. 14 Grad windloser Wärme in die alte Hauptstadt Nara gefahren. Dort absolvierten wir ein straffes Event-Programm. Nachdem wir Horatio, einen rumänischen Ingenieur, und Hide, unseren japanischen Veteran und mittellosen Diamant-Physiker, am Bahnhof eingepackt hatten, zwitscherten wir ab in Richtung Gango-Tempel, dem vermutlich ältesten Tempel Japans. Gegen 13 Uhr begann die Frühlingszeremonie mit dem Einmarsch von Yamabushi (Bergkriegermönchen), die in riesige Südseemuscheln tröteten. Es gibt auch einen deutschen Namen für dieses Instrument: das Tritonshorn. Allerdings sind die Südseemuscheln tatsächlich japanischer Herkunft und im Gegensatz zu gewöhnlichen können die japanischen drei Töne produzieren. Wie – das wird seit Jahrhunderten geheimgehalten. Nach ein paar Schaukampfeinlagen von Schwert- und Stockkampfmeistern passierte das eigentliche: ein riesige Feuer wurde entzündet und gespendete Holztäfelchen wurden verbrannt. Dann wurde das Feuer vorbereitet für Hiwatari, das Überqueren des Feuers – natürlich barfuß. Der Andrang war riesig: Jung und Alt kletterte laufbandgleich über die heissen Bohlen. Dannach ging es gleich weiter zum Sojabohnenwerfen. Das ist kein Teilwettbewerb aus einer alternativen Olympiade, sondern es handelt sich um einen alten Brauch. Trockene Sojabohnen – schmecken nussig – werden in die Menge geworfen und wer welche fängt, erhascht sich eine Portion Glück. Allerdings kann man diese Aktion getrost als Wettbewerb beschreiben, denn die sonst so höflichen und zurückhaltenden Japaner entpuppten sich als schubsende und kratzende Gangsterbande. Hide und Horatio waren mit dem Fangen erfolgreich und mir gelangen ein paar gute Fotos. Dieses Sojabohnenwerfen wird übrigens in vielen Tempeln in ganz Japan abgehalten, wobei die Attraktivität noch durch werfende Prominente gesteigert wird. Zu viert haben wir dann die Bohnen gefuttert, sind aber nicht wirklich satt geworden. Also sind wir in eine Okonomiyaki-Kaschemme und haben eine preiswerte, enorm leckere japanische Pizza gemampft.
Aber das Touri-Programm war ja straff, also weiter zum Kasuga-Schrein. Den kannten wir schon, aber noch nicht im Dunkeln mit hunderten angezündeten Laternen im dichten Zedernwald. In dieser sehr feierlichen Stimmung trafen wir Vathi, einen Physik-Studenten aus der Türkei mit drei anderen türkischen Freunden. Es entwickelten sich interessante Gespräche unter anderem über japanische Ästhetik – einer schrieb an einer Philosophie-Doktorarbeit zu diesem Thema. Gemeinsam pilgerten wir dann zum Kofuku-Tempel, wo dann die Klingonenschlacht stattfand. Teufel in Klingonenkostümen – vermutlich ist es andersrum und die Klingonen haben ihre Kleidung den japanischen Teufeln geklaut – rannten mit Äxten und Knüppeln durch die Gegend, prügelten sich oder erschreckten das Publikum. Dann tauchte engelsgleich eine Figur mit lieblicher Maske auf, was ganz klar den Frühling symbolisierte. Kurz und glücklich: der Frühling gewann, die Teufel verschwanden und erneut konnten Sojabohnen geworfen werden. Da wir vom ersten Wurf-Event unsere Lehren gezogen hatten, verfolgten wir dieses nun aus sicherer Entfernung und genossen den Blick auf den wallenden Tempelkessel vor Vollmondkulisse.
Achja, was weitere Prüfungen angeht – nun, wir dürfen leider nicht nach Kambodscha, müssen aus finanziellen Gründen das erste Mal per Flug zurück nach Europa und ziehen wieder ein paar mal hier und dort hin. Wir hoffen aber, dass wir nach bislang 15 Umzügen seit Mai letzten Jahres (gerechnet ohne die Sommerurlaubszeit), ab April in Rostock eine Bleibe für ein paar Monate am Stück haben werden. Und: erfreulicherweise konnten wir unseren in Hongkong notwendigen Zwischenstopp auf 30 Stunden ausdehnen und so werden wir das chinesische Neujahr mitmachen. Jenny holt uns in Amsterdam ab und dann gehts direkt nach Münster in den Rosenmontagskatzenjammer oder ins Spektakel – je nach dem ob man nun Fan ist oder lieber das Weite sucht und stattdessen traditionelle Struwen isst. Think positiv!

Sommervergnügen, Teil 1

Das Schlagwort des Sommers ist “Matsuri”. Matsuri bedeutet soviel wie Festival, es gibt kleine und grosse, bekannte und unbekannte. Das Gion-Matsuri in Kyoto ist riesig und sicherlich ein Grund dafür, dass Kyoto nach Mekka (!) die am zweithäufigsten besuchte Stadt der Welt ist. Das Gion-Matsuri findet seit 869 statt. Anlaß war eine Pest und man versuchte durch das Herumtragen von Hellebarden die Götter zu besänftigen. (Zweifel, dass sich Götter durch das Herumfuchteln mit Waffen beeindrucken lassen, sind vermutlich berechtigt.). Mit der Zeit wurden die Lanzen auf Wagen montiert und mit großer Anstrengung durch die Gegend gerollt. Die Wagen waren interessanterweise seit dem Mittelalter mit vorzugsweise europäischen und chinesischen Teppichen dekoriert. Heute ist die Tradition (mit samt der Teppiche) erhalten geblieben und ein touristisches Spektakel. Drei Tage ist Kyoto im Ausnahmezustand, das Stadtzentrum für den Verkehr gesperrt und viele gut gelaunte Zuschauer und Strassenverkäfer tummeln sich bis in die späte Nacht im Gewühl der Verkaufsstände und Lampion-Wagen.

Neben dem Gion-Matsuri gibt es unzälige andere Matsuris, eben so viele wie es Gottheiten und Anlässe gibt. Da sind zum Beispiel: das Hummer-Segen-Festival in Ise, das Sternenschnuppen-Festival (hierzu gibt es eine sehr romantische Liebesgeschichte), das Grüne-Tee-Festival in Uji, Fruchtbarkeitsfestivale, …
Beliebt sind bei diesen Abenden auch Kreistänze – manche mögen sich auch noch des Wortes Reigen entsinnen – bei denen tatsächlich jung und alt mittanzt. Auf jeden Fall geht es bunt, lustig und naschhaft zu.
Der Sommer ist auch DIE Zeit für Feuerwerk. Entweder das private am Strand oder Flussufer oder das von Städten organisierte Großfeuerwerk. Die Regionalzeitschrift “Kansai Time Out” listet diese Feuerwerkte übrigens mit Hilfe von zwei Kriterien: einmal dem sog. “Knall-Faktor k”, dessen Maximum bei 10.000 Feuerwerkskörpern (ca. 1.5 h) liegt und dem sog. “Auflauffaktor a”, der bis zu 400.000 Schaulustige betragen kann. In diesem Jahr haben wir das Feuerwerk am Meer bei Hiroshima gesehen (k=8.000, a=300.000). Es war grandios. Jedes Jahr lassen sich die Entwickler von Feuerwerkskörpern neue Formen und auch Farben einfallen, natürlich ist die Herstellung ein wohl gehütetes Geheimnis und wird nur in der Familie weitergegeben. Neu in diesem Jahr war Feuerwerk in Form von einer Katze, zwei verschlungenen Herzen und eines Kranichs, wie uns erstaunte Zuschauer erklärten. Besonders gut kommen auch Riesensternschnuppenraketen an, denn es geht ein kollektives “Ah” durch die Menge.

Soviel zum Sommer Teil 1.