Durchs Kap der Furcht

Wir stehen auf dem Hafengelände und haben ein Problem. Wir kommen nicht auf das Schiff, weil noch Verladearbeiten im Gange sind. 11.30 Uhr hatte uns der Agent als Einschiffungstermin genannt. Nun ist es 11.30 Uhr, aber es gibt keine Möglichkeit, zum Schiff zu kommen und so läuft das Taximeter munter weiter. Einfach auf dem Gelände stehen, dürften wir nicht, erklärt der Taxi-Fahrer. Derweilen können wir uns an der Anblick der Independent Accord gewöhnen, die nun für 11 Tage unser Zuhause sein wird. Mit 145 Metern und nur 1200 TEU Ladekapazität ist sie deutlich kleiner als das Frachtschiff, mit dem wir in die USA gefahren sind. Noch wissen wir nicht mal die Reederei, die das Schiff betreibt. Laut unserem Beförderungsvertrag ist eine Beteiligungsgesellschaft in Hamburg Eigentümer des Schiffs – ein gängiges Steuersparmodell. Außerdem ist das Schiff in Liberia gemeldet und hat Monrovia als Heimathafen.

Als wir an Bord gehen, gilt unser erster Blick der Mannschaftsübersicht: Die Offiziere sind zum größten Teil Kroaten und die Mannschaft kommt einheitlich von den Philippinen. Am Abend gehe wir zur Ausfahrt auf die Brücke. Ein einmaliges Erlebnis, denn es geht über drei Stunden durch ein idyllisches Flussdelta. Ungewöhnlich ist der Lotse an Bord. Die meisten Lotsen nehmen die Passagiere kaum wahr und nicken einem höchsten Mal zum Abschied zu. Dieser jedoch ist geradewegs redseelig und erzählt über Land und Leute. Über die vielen Krokodile zum Beispiel, die sich im Wasser tummeln. Ein Freund habe ein spezielle Lizenz, um Krokodil zu jagen und müsse immer wieder zu Notfalleinsätzen, wenn ein Krokodil sich im Swimmingpool eines Hauses wohler fühle als im Fluss. Wilmington sei tatsächlich ein Piratennest gewesen, man müsse nur mal auf die Karte schauen, um die ganzen Sandbänke zu sehen. Die Wilmington vorgelagerte Insel kennt übrigens wie Hiddensee keinen Autoverkehr, denn der Transport wird mit elektrobetriebenen Golf-Cars abgewickelt. Der Lotse fragt uns, ob wir nicht ein paar deutsche Biere empfehlen könnten? Er tausche mit den Kapitänen nämlich immer mal Bourbon-Whiskey gegen gutes Bier. Wir empfehlen allerlei lokale Biersorten wie Potts, Potsdamer Stange oder Eibauer. Derweilen ziehen Kohorten von Pelikanen über das Schiff hinweg und verschwinden im Sonnenuntergang. Schließlich erreichen wir die letzte Leuchtboje und der Lotse überlässt das Schiff ganz der Obhut des Kapitäns. Wieder liegen 11 Tage vor uns, diesmal ohne Internetverbindung, dafür in Küstennähe mit Satellitenfernsehen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.